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Festival Bericht


Amphi-Festival

Tanzbrunnen Köln, 17.07.2009

Catwalk Tanzbrunnen – das diesjährige Amphi bot wieder einmal ein Schaulaufen der Schönen und derjenigen, die es sein wollten. Neben optischen gab es aber auch einige akustische Höhepunkte.



Wer eines der „schwarzen“ Festivals mit einem „normalen“ Festival vergleicht, dem fallen einige gravierende Unterschiede auf. Der wichtigste: Während bei Hurricane, Abifestival oder Wacken das Äußere für viele eher zur Nebensache wird, ist es auf WGT, M'era Luna und Amphi-Festival essentieller Bestandteil.

Darüber hinaus ist das Campinggelände eines „Gruftie“-Festivals wesentlich ruhiger. Von Friedhofsruhe zu reden wäre hier fast klischeehaft, aber lautes Gejohle Betrunkener und dauernder Sireneneinsatz der Rettungswagen waren auf dem Amphi-Festival 2009 auf ein Minimum reduziert.

Ziemlich ruhig begann so der Samstaggmorgen, der erste Festivaltag am Kölner Tanzbrunnen. Während die vier Duschen und fünf Waschbecken im Sanitärbereich des Campingplatzes von langen Reihen sich schminkender, rasierender und waschender männlicher Festivalbesucher belagert wurden (bei den Damen sah es, so wurde mir erzählt, ähnlich aus), herrschte eine eher beschauliche Stimmung. Das mag auch daran liegen, dass der Weg zum Festivalgelände doch arg weit war und von dort kaum ein Ton herüberklang.

Dort wurde es aber recht laut, als nach einer kurzen Anmoderation von Honey von Welle:Erdball mit Coppelius auf der Hauptbühne das Festival eröffnet wurde. Wie gewohnt boten sie ihren Kammermetal mit zünftiger Antiquiertheit dar, mit Frack und Zylinder aus ihres Großvaters Zeit und mit einem Instrumentarium, dass selbiger Großvater zum Teil auch selbst gespielt haben mag. Mit großem Pathos gestikulierten Frontmann – äh, pardon: Orchestervorstand Max Copella und seine Kammermusiker und hatten leichtes Spiel mit der motivierten Menge vor der Bühne.

Währenddessen begann auf der zweiten Bühne Auto-Auto aus Schweden mit Synthpop-artigen Electroklängen.Ihr Album „Celeste“ produzierte John Fryer, der auch bei Depeche Mode und Nine Inch Nails seine Finger im Spiel hatte, ihre musikalischen Qualitäten sind dementsprechend gehobene Klasse. Die Menge vor der Bühne war allerdings noch recht überschaubar. Dies ist allerdings nicht wörtlich zu nehmen, befand sich die zweite Bühne doch bei spärlicher Beleuchtung im Innenraum der Rheinparkhalle. Entsprechend warm wurde es im Laufe der Zeit, so bei den folgenden Jäger 90. Im gleißenden Licht der Stroboskope präsentierte das Duo minimalistischen EBM, der tatsächlich ein wenig an ihre Vorbilder Deutsch-Amerikanische Freundschaft erinnert., aber, wie die Band selbst mitteilt: „Es kümmert uns ein Scheiss ob es diese Art von Musik schon gab oder nicht“. Gut gebrüllt, Krieger – ähnlich selbstbewusst präsentierten sie sich auf der Bühne und das Publikum, soweit bereits vorhanden, übte sich in ersten Tanzversuchen.

Bei Xotox machte sich die Wärme innerhalb der Halle dann deutlich bemerkbar. Während sich die Menge vor der Bühne drängte, tanzten um sie herum einzelne schwarz-bunt ausstaffierte Gestalten vor sich hin. Der Maschinensound der Industrial-Klassiker, die ja immerhin schon seit 1998 musikalisch tätig sind, sorgte bei Stücken wie „Mechanische Unruhe“, „Eisenkiller“ und derlei Hits für heftig zuckende Bewegung - „Industrial for hyperactive people“ halt. Ooptischer Höhepunkt: Die Pauke, die auf der einen Seite Rauch in dem Takt ausspuckte, in dem sie auf der anderen Seite geschlagen wurde.

Danach wurde es erst einmal Zeit für freie Luft, um endlich den Blick auf vielerlei schwarze Gestalten zu werfen – wobei schwarz in diesem Fall eine mannigfaltige Bedeutung hat. Von neonbunten Cybergothics über mittelalterlich gewandete Damen und Herren bis hin zu martialisch aussehendem Military-Style war so ziemlich alles auf dem Laufsteg namens Festivalgelände vertreten.

Momentan lauschte diese bunte Masse The Birthday Massacre, jener Synthie-Rock - Band, die 2000 als Imagica im kanadischen Toronto gegründet wurde. Hier draußen wurde entsprechend weniger auf Elektroklänge und mehr auf Gitarrenarbeit gesetzt, unterstützt von der klaren, atmosphärischen Stimme von Sängerin Chibi. Ein klasse Auftritt, der die Massen vor der Bühne in Bewegung brachte.

In der Halle ging es einige Zeit später mit elektronischen Klängen maximaler Tanzbarkeit weiter: Agonoize gaben sich die Ehre, um mit Clubhits wie „Koprolalie“ einzuheizen. Dies gelang auch von Beginn an ausgesprochen gut, als Mastermind Chris mit Maulkorb anstelle des omnipräsenten Mundschutzes auf der Bühne erschien. Die Halle war nun brechend voll, die Hitze war zum Brechen und die Stimmung entsprechend auf dem Siedepunkt. Schwer zu toppen, möchte man meinen, und auf jeden Fall trotz stickiger Luft eines der Festivalhighlights dieses Samstags.

Selbiger war noch nicht zu Ende. Die folgenden Feindflug starteten gewohnt militaristisch mit Tarnnetzen über dem Schlagzeug, in zünftigem Kriegeroutfit und mit Filmsequenzen im Hintergrund, die ziemlich deutlich so schöne Sachen wie Krieg, Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg dokumentierten. Diskussionen um die politische Gesinnung dieser Gruppe, wie sie immer wieder auftreten, sind im Grunde müßig, war die deutliche Betonung des gezeigten Elends doch mehr als nur ein warnender Zeigefinger, der Salz in eine blutende Wunde streut. Dass dabei mit Symbolik gespielt, ja fast kokettiert wird, kann man als Effekthascherei abtun – es tat jedoch seine Wirkung in der fast überfüllten Halle.

Und stampfende Musik und diverse Samples taten ihre Wirkung – fast ein wenig zu gut, fiel doch etwa zehn Minuten vor dem eigentlichen Ende des Auftrittes urplötzlich ein etwa zwei Quadratmeter großes Stück Putz von der Decke. Begeisterung machte sich angesichts dessen im Publikum breit, bis den Leuten dämmerte, dass es sich nicht um einen Spezialeffekt sondern um einen Unfall handelte. Dementsprechend wurde der Auftritt vorzeitig beendet und die Halle gesperrt. Der Veranstalter reagierte so schnell wie eben möglich, so dass die als letzte Band des Abends avisierten Laibach in einer benachbarten Halle im Gebäude aufspielen konnten. Zwar etwas über zwei Stunden später als gedacht, aber immerhin.

Der Festivalsonntag begann ähnlich ruhig wie der Samstag. Anwesend waren etwa Jesus on Extasy: Industrial-Rock, der vor allem bei dem weiblichen Geschlecht gut anzukommen schien. Allerdings zeigte sich hier, dass die neue Halle kein würdiger Ersatz für die Halle des Vortages war: Sie war noch kleiner, und dementsprechend dichtgedrängt stand und tanzte das Publikum.

Verhältnismäßig ruhig wurde es dann mit Diorama auf der Hauptbühne, die mit „Kein Mord“ ihr Set einläuteten. Melodische, fast sanfte Klänge sorgten dafür, dass auch zwischenzeitlich einsetzender Regen die gute Stimmung im Publikum nicht trüben konnte – nun gut, zu einem Teil mögen auch die pilzförmigen Aufbauten auf dem Platz vor der Bühne dazu beigetragen haben, die ein Dach über dem Publikum bildeten. Jedenfalls tanzte, klatschte und sang die Menge begeistert mit.

Sehr viel lebendiger wurde es bei den anschließenden Saltatio Mortis. Zwar auch mit, im Vergleich zu anderen Mittelalterbands, recht hohem Elektroanteil, klangen sie als einzige Medieval-Band des Festivals erfrischend rockig. Frontmann „Alea der Bescheidene“ beanspruchte recht unbescheiden einen großen Teil der Bühne für sich, und lachend und musizierend zeigte sich auch der Rest der Band bei Stücken wie „Uns gehört die Welt“ oder „Tod und Teufel“ in prächtigster Stimmung.

Wer diese Gesellen schon als relativ bunt ansah, wurde bei Hocico aus Mexiko-City dann völlig überrascht. Während der ersten Minuten wurden die Bandmitglieder Erk Aicrag und Racso Agroyan von fünf mir Farben und Federn als atztekische Ureinwohner ausstaffierten Mannen umringt, um danach eine Art „Ritual“ durchzuführen – wohl keine der zahlreichen Kameras in Publikum und Bühnengraben versuchte während dieser Minuten nicht, das Spektakel einzufangen. Anschließend war das Duo wieder auf sich gestellt und heizte mit einem krachenden Mix aus EBM und Industrial, hauptsächlich auf spanisch, dem Publikum kräftig ein. Ein brillanter Auftritt, der die Menge zu Recht zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Mit Unheilig erschien dann wieder eine deutsche Bands, die wohl getrost von ihrem Ruf innerhalb der Gohicszene zehren können. Der charismatische Frontmann „Der Graf“ wurde jubelnd empfangen, und das Publikum feierte vom Intro bis zum letzten Stück „Mein Stern“ kräftig mit. Die Stärke des dunklen Electro-Pops liegt ja bekanntlich darin, dass sowohl ruhige Balladen als auch kräftige Tanznummern vom Grafen bravourös und mit regem kontakt zum Publikum dargeboten werden – so auch hier. Textlich mag man von den Stücken, die der Graf so produziert, ja halten, was man will, aber begeistern konnten sie sämtliche Zuschauer (was man anschließend auch an der Länge der Schlange am Autogrammstand erkennen konnte).

Nun wurde es wieder Zeit für einen Klassiker: Front 242, die mit lautem „Zwei – Vier – Zwei!“ - Sprechgesang vom Publikum begrüßt wurden. Zu Recht bezeichnet „Wikipedia“ die Combo als „Aushängeschild“ des EBM, ist sie mit Gründungsdatum 1981 doch bereits älter als ein Großteil des anwesenden Publikums.

Mit mancher Band ist es wie mit gutem Wein: Je älter, desto besser. Für Front 242 mag das sogar zutreffen, denn die Energie und Spielfreude, die das reifere Semester auf der Bühne dort versprühte, suchen unter vielen hoffnungsvollen Newcomer-Combos ihresgleichen. So konnten die Belgier wohl auch die größte Zuschauermenge vor der Hauptbühne für sich beanspruchen, während es nebenan bei The Gathering leidglich auf Grund der geringen Hallengröße nicht allzu leer ausnahm. Stücke wie „Headhunter“, das bei einem Auftritt der Gruppe nicht fehlen darf, sorgten für begeistert tanzende Massen sowie, bei einigen der deutlich jüngeren Festivalbesucher, für irritierte oder neugierige Blicke.

Letztlich kann man dem fünften Amphi-Festival nur ein Lob aussprechen angesichts der guten Organisation, der ausgesprochen freundlichen Security, einer gelungenen Bandauswahl und einer tollen Atmosphäre. Darüber wollen wir die Kritikpunkte aber nicht vergessen. Dass für Getränke und Essen nicht die Veranstalter, sondern eine externe Firma zuständig war, ist an sich nicht anzukreiden – die exorbitanten Preise für die Lebensmittel um so mehr. Und auch die Entfernung des offiziellen Campingplatzes zum Festivalgelände könnte durchaus geringer sein.

Allerdings gilt: Wäre es perfekt, könnte man über Langeweile klagen. Stattdessen kann man sich auf die sechste Auflage des Amphi-Festivals im jahr 2010 freuen.


Bericht: Tim / Fotos: Anni, Marianna, Tim