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Review


Julia Neigel

Rosenhof, 13.10.2011

Lange war es still um sie. Ihre größten Erfolge feierte sie noch zu D-Mark-Zeiten. Urheberrechtsstreitigkeiten mit der alten Band zwangen neue Aktivitäten auf die lange Bank. Jule Neigel hat nun als Julia Neigel ihr Comeback eingeläutet, mit „Neigelneu“ ein Album parat und den Tourbeutel gepackt. Wir wurden Zeuge eines furiosen Auftakts im Osnabrücker Rosenhof. Wo der Chef von OsnaMetal.de Schlager vermutete, stießen wir auf Rock, manchmal sogar Hard Rock. Und noch sehr viel mehr. Julia Neigel bescherte uns einen Abend voller sex, love and devotion. Aus dem Kosmos ihres Energiekörpers sendete sie ätherische Wellen der Liebe an alle Empfangsbereiten. „No place for hidin’ Baby / No place to run / You pull the trigger of my / Love gun“!!!

Dennoch beginnt der Abend mit einer kleinen Enttäuschung: Getränke sind nur im Foyer erhältlich, wir werden unmenschliche Strecken zurücklegen müssen. Unsere hohe Laufbereitschaft und der daraus resultierende, stete Humpenbesitz, sind die einzigen Auffälligkeiten eines ansonsten optisch angepassten, im Auftrag des Metal operierenden Duos. Was allerdings auffällt ist, dass ein nicht unbedeutender Teil der anwesenden Damen gleichgeschlechtliche Beziehungen bevorzugt. Julia Neigel: Ikone der Knutschpärchen, der alternden Frauengucker, der weiblichen Homoerotik sowie zweier nervös, ob der anstehenden divinischen Intervention, glühender Heavy-Stuff-Nerds, durchsetzt mit sexy feelings.

Bevor die Schmetterlinge die Wampen durchflattern, gilt es dem Supportprogramm von Haase & Band zu lauschen. Herr Haase deutschrockt irgendwo prätentiös zwischen Purple Schulz und Jupiter Jones. Durch den Nuschelgesang kann sich mir sein Anliegen nicht offenbaren. Er ist aber wohl ein ganz Lieber, und womöglich Spitzenkandidat auf die Nachfolge von Otto Waalkes. Gefühlte fünf Minuten des halbstündigen Auftritts verbringt er damit, um starken Ausdruck bemüht, die abgenudelte Witz-Parabel vom Bären und seiner Todesliste zu erzählen. Die Botschaft: „Wir sollten einfach mehr miteinander reden.“ Insgesamt niedlich, vielleicht gut, nicht mein Fall.

Die goddess of desire betritt die Bühne und duldet kein Abwarten. Sie lockt die Kinder ins Pfefferkuchenhaus bzw. mit ihrem Stimmbandflöten aus der Stadt des tumben Alltags in einen Erlebnisberg, der bisher unentdeckt in jedem Kopf und in den Herzen schlummerte bzw. fordert sie den sofortigen Abbau der Hemmungen und bittet die Menschenkinder, in dem leider nicht annähernd ausverkauften Saal, vor die Bühne. Ich fühle mich wie einer der Bettler auf dem Fischmarkt am Ende von „Das Parfum“, als Zeuge des sein Duftwässerchen überdosiert aufgetragen habenden Jean-Baptiste Grenouille, und folge. Ihre energische Bühnenpräsenz, ihre kraftvolle Stimme und ihre hypnotischen Blicke füllen den Raum.

Aber auch die zum Tourstart prima eingespielte, hervorragend besetzte Band kann durchweg überzeugen. Mein persönlicher Favorit, der New Yorker Süddeutsche Raoul Walton, bekannt aus Funk und Fernsehen, oder aus den Bands von Westernhagen und Heinz-Rudolf Kunze (und mir ganz besonders vom 96er Neubauten-Werk „Ende Neu“), wummert mit dem Bass die Fliesen locker. Was der NOZ-Banause als altbackenen Sound bezeichnet, ist in Wirklichkeit enorm. Die leichte Sterilität des neuen Albums wird live aufgebrochen. Ich finde nicht wenig Gelegenheit, unter schockierten Blicken, auch mal die kurze Kopfmatte zu schütteln. So geschehen im pathetischen Exorzismus „Teufel“ und dem ebenfalls brandneuen, funkigen Rocker „Wohin“, nicht die einzigen Songs die live durchaus mit musikalischer Härte aufwarten. Aber es gibt auch die Balladen, Sternstunden der Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit. Man merkt Frau Neigel ihre Freude darüber, endlich wieder mit frischer Scheibe am Start auftreten zu können, sichtlich an.

Kollege Jynz versucht unermüdlich Momente des Abenteuers mit seiner Kamera einzufangen. Leider muss man feststellen, dass seine teure Ausbildung bei Helmut Newton verschwendete Zeit und rausgeschmissenes Geld war. Schade. Irgendwann beendet er seine Bemühungen und gibt sich ganz dem Farbspektrumsbann der Aura der heiligen Julia hin. Beim Nebenmann, einem übergewichtigen Lüstling, der es mit seinem (Foto)Apparat offensichtlich auf den Neigel’schen Pöter abgesehen hat, scheint die Knipserei zu funktionieren.

„Der perfekte Tag“ ist nicht nur Motto, auch Mitsing-Ding. „Didididididididididii“, vielleicht ein Geheimcode vom Planeten Neigel, tönt es der Mittvierzigerin im Körper einer Zwanzigjährigen aus den Hälsen ihrer AnhängerInnen entgegen. Auch der größte Hit „Schatten an der Wand“ darf nicht fehlen. Nach einem abwechslungsreichen Reigen alter und neuer Stücke, kniet Julia Neigel am Bühnenrand um erste Autogrammwünsche zu erfüllen. Da fehlt doch noch was. Ich frage gleich selbst mal nach: „Was ist denn mit „Sehnsucht“?“ Sie attackiert mich umgehend mit einem unbeschreiblichen Lächeln und spricht zu mir. Zu mir! Die Frau, die für Peter Maffay unter anderem „Siehst du die Sonne nicht“ getextet hat. Eine Freundin von Peter Maffay ist auch meine Freundin. Mit ihren vollen Lippen formt sie ein umwerfendes: „Wart’s ab.“ Dabei ist gar nicht mehr so wichtig was sie sagt, eher wie. Und wenn es nur geheißen hätte: „Herr Ernesto, bitte in die Gemischtwarenabteilung, Herr Ernesto bitte!“

Unsere spirituelle Erfahrung findet, nach der sehnsüchtig erwarteten „Sehnsucht“, sein Ende im Trost spendenden, nur mit Keyboardbegleitung aufgeführten „Du bist nicht allein“. Und ich glaube ihr. Alles! Nach über zweistündiger Trance schweben wir als bessere Menschen, von Glückseligkeit erfüllt, zurück in die Realität.


Ernesto